Sonntag, 3. August 2008

Schäuble verordnet Ruhe bei den olympischen Spielen

Man wagte kaum seinen Ohren zu trauen, als EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering am Samstag die Teilnehmer der Olympischen Spiele dazu aufforderte, gegen die Menschenrechtsverletzungen in China zu protestieren. Sollte er das tatsächlich gesagt haben? Wo doch europäische Politiker sonst eher dazu aufriefen, die olympische Idee nicht durch Geistesgegenwart zu trüben. Wörtlich bezeichnete Pöttering, es als "Pflicht, jetzt das tibetische Volk, das sein kulturelles Überleben verteidigt, nicht zu vergessen".

Unser landeseigener Oberspitzel Innenminister, Wolfgang Schäuble, hingegen sieht das offenbar ganz anders und warnt davor, die Spiele in China durch unüberlegten Protest gegen Menschenrechtsverletzungen zu stören. Ich muss sagen, mir ist Schäuble's Politik in diesem Punkt nicht so ganz verständlich. Mal ganz ehrlich. Wir sprechen hier von dem Mann, der Spionagesoftware auf jedem Computer in Deutschland einschleusen möchte (nun ja, nicht wirklich auf jedem einzelnen, aber zumindest auf jedem X-beliebigen Computer, den er als durchleuchtungswürdig erachtet), ohne dass deren Besitzer auch nur eine Ahnung davon haben, nur mit dem Zweck, eine Handvoll Terroristen zu schnappen, von denen er nicht einmal weiß, ob sie wirklich existieren. Und hier hat er eine ganze Bande von Terroristen - quasi sogar mit Namen und Anschrift - und möchte am liebsten, dass ganz Deutschland ihnen zujubelt. Das soll mir mal einer erklären!

Gut, zugegeben: die olympischen Spiele sind nicht per se eine politische Veranstaltung. Aber das bedeutet ja nicht, dass Politik bei den Spielen nichts verloren hat. Ich meine, stellen wir uns doch einmal vor, wir hätten das Jahr 1936, die Spiele würden in Hitler-Deutschland stattfinden und Schäuble wäre Innenminister. So schräg ist der Vergleich an sich gar nicht. Immerhin war Deutschland 1936 eine Quasi-Diktatur - genauso wie China heute eine Quasi-Diktatur ist. Es gibt nur einen kleinen Unterschied: Deutschland hatte 1936 noch kein anderes Land okkupiert und dessen Bevölkerung dezimiert - China hingegen schon. Da sind sie uns gewissermaßen schon meilenweit voraus. Mich würde mal interessieren, ob Schäuble damals dieselbe Meinung vertreten hätte. Hätte er 1936 auch davor gewarnt, gegen mögliche Menschenrechtsverstöße seitens der Naziregierung zu protestieren, nur um die Spiele nicht zu politisieren? Was hätte er damals wohl gesagt? "Ja, gut, Hitler ist gerade drauf und dran, die Juden aus Deutschland zu vertreiben und bezeichnet sie als parasitäre Rasse. Aber bedenkt die Erfolge jahrelanger Vorbereitung! Die sollte man nun wirklich nicht durch Regelverstöße zerstören."

Dass die Olympische Charta politische Stellungnahmen verbietet, mag durchaus sinnvoll sein, doch sollte man sich die Frage stellen, was den Menschen - und den Politikern, die ja in gewisser Hinsicht mit dazu gehören - wichtiger ist: die Einhaltung von Regeln einer sportlichen Veranstaltung oder die Einhaltung von Menschenrechten, bei denen es nicht bloß um Medaillen geht, sondern um Leben und Tod.