Ich habe heute zufällig - wirklich zufällig - in die Sendung "Menschen bei Maischberger" hineingezappt und mir ist jetzt noch ganz schwindelig! Das war wie eine bizarre Zeitreise: 500 Jahre in nur ein paar Minuten. Wirklich mehr als man vertragen kann! Zu Gast waren Gloria Fürstin von Thurn und Taxis, von der ich bisher eigentlich keine so schlechte Meinung hatte, und Joachim Kardinal Meisner. Und beide saßen da, um ihre Buch "Die Fürstin und der Kardinal" zu besprechen. Besprochen wurde unter anderem die Liebe der Kirche zu den Menschen. Genauer gesagt: ihre Liebe zum Leben. Zum ungeborenen Leben. Denn beide, sowohl der Kardinal als auch die Fürstin, wurden nicht müde, vehement gegen die Abtreibung zu wettern, gegen künstliche Verhütung, gegen Kondome, gegen die Pille, gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, sogar gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen.
Es ist ja ein alter Hut und eigentlich sollte es einen nicht mehr verwundern, aber ich bin immer wieder auf's Neue verblüfft darüber, wie sich ausgerechnet die katholische Kirche erdreisten kann, sich zur moralischen, ethischen Instanz in Fragen des Lebens zu erheben. Wirklich. Ist mir unbegreiflich. Wenn die Kirchenvertreter mit irgend etwas gesegnet sind, dann mit einem äußerst schwachen Gedächtnis. Immerhin hat sie sich die meiste Zeit ihrer fast zweitausendjährigen Geschichte nicht gerade von ihrer lebensbejahenden Seite gezeigt. Und das in einem Maße wie keine andere Institution, die jemals auf der Erde existiert hat. Es gibt verschiedene Organisationen, die sich eingehender mit dieser Thematik beschäftigt haben und es gibt Schätzungen, die einen Eindruck davon vermitteln, wie viel der katholischen Kirche am menschlichen Leben liegt. Diesen Schätzungen zufolge haben die katholische Missionsarbeit, die Inquisition, die Hexenverbrennungen und die Kreuzzüge nicht weniger als 132 Millionen Menschen das Leben gekostet. 132 Millionen - die übrigens teilweise auf überaus phantasievolle Weise in den Tod befördert wurden. Und das sind Schätzungen, die allein auf historisch belegten Zahlen basieren. Wie viele es wirklich waren, weiß kein Mensch. Aber nur mal so zum Vergleich: Deutschland hat heute gerade einmal 80 Millionen Einwohner. In ihrer Geschichte hat die katholische Kirche Deutschland also fast zweimal vollständig ausgerottet. Und da geht sie her und propagiert die Erhaltung des Lebens? Was für eine Schizophrenie ist das denn?
Nun könnte man anbringen - und Herr Kardinal Meisner hat dies auch tatsächlich getan - dass all dies vor mehr als 100 Jahren geschehen sei und heute nicht mehr passiert. Dafür entschuldigt, sich davon distanziert und die Geschehnisse verurteilt hat die Kirche bis heute allerdings nicht. Gut, Papst Johannes Paul II hat einmal etwas über die Inquisition gesagt. Etwas, das man kaum als Entschuldigung oder gar als Verurteilung gelten lassen kann. Er bat bezüglich der Inquisition um Vergebung: "Man sei mit exzessiver Härte vorgegangen". Mit exzessiver Härte! Die Inquisition an sich war also ganz okay so wie sie war, aber man hätte den Leuten wahrscheinlich eins über die Rübe hauen sollen, ehe man sie zerfleischte. Das die Inquisition an sich ein Fehler gewesen sei, sagte er nämlich nicht. Ich persönlich habe so meine Zweifel, dass sich die Ansichten der Kirche in diesen Fragen seither grundlegend verändert haben. Es wird heute einfach schwieriger zu erklären sein, weshalb man übermäßig geschwätzige Menschen unbedingt wie Schweine am Spieß bei lebendigem Leibe braten sollte. Darüber hinaus ist die Aussage Meisners schlichtweg falsch. Die gezielte Tötung von Menschen seitens der katholischen Kirche *in diesem Ausmaß* mag ein Ding der Vergangenheit sein, was aber nicht bedeutet, dass sie es in geringerem Umfang nicht immer noch tut - aktiv oder durch aktive Duldung. Oder wie bitte schön erklärt die Kirche die Existenz von Militärseelsorgern?
Militärseelsorger. Allein den Begriff muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Da gibt es auf der einen Seite die Kirche - die Organisation, die die Liebe Gottes predigt und dafür kämpft, ungeborenes Leben um jeden Preis zu schützen. Die Organisation, deren erstes Gebot lautet: Du sollst nicht töten. Und dann gibt es da die Armee - die Organisation, deren Sinn und Zweck es ist, aus welch hehren Gründen auch immer, Menschen zu töten. Besieht man sich das Ganze mit klarem Verstand, müsste man doch eigentlich annehmen, beides sei unvereinbar. Und trotzdem gibt es Militärseelsorger. Menschen der Kirche (die sagt: Du sollst nicht töten) in einer Organisation, die sich quasi mit nichts anderem beschäftigt. Ich meine, mal ehrlich: Gibt es da irgend einen geheimen Passus in "Du sollst nicht töten", den ich irgendwie nicht kenne? Gibt es eine vollstände Version des ersten Gebotes, das da lautet: "Du sollst nicht töten, außer Du wirst dafür bezahlt und die Leute, die Du umbringst, vertreten andere Werte als die, die uns genehm sind"? Wo fängt die Lebensliebe der Kirche denn an? Und wo hört sie auf?
Gut, die Kirche ist gegen die Tötung ungeborenen Lebens. Aber nicht nur das. Sie ist auch gegen die künstliche Verhütung. Denn jeder Mensch ist ja von Gott gewollt (außer, so darf man annehmen, die Menschen, die die Kirche höchst persönlich in den Tod getrieben hat. Die müssen offenbar irgendwo anders hergekommen sein). Wogegen sie allerdings nichts sagt, das muss man sich mal vorstellen, ist die natürliche Verhütung. Für die Kirche ist es also nicht okay, ein Kondom zu benutzen, um ein Spermium daran zu hindern, eine Eizelle zu befruchten. Es ist für sie aber okay, zum Beispiel per Coitus Interruptus zu verhindern, dass ein Spermium eine Eizelle befruchtet. Hallo? Kann mir mal bitte einer erklären, wo da der Unterschied ist? In beiden Fällen ist das Endergebnis doch exakt dasselbe. Aber die eine Methode ist okay, und die andere nicht. Ist doch irgendwie seltsam, oder?
Am verblüffendsten waren jedoch Vergleiche, die Frau von Thurn und Taxis hinsichtlich der Abtreibung und Hitler gezogen hat. Für sie ist der "Massenmord am ungeborenen Leben", der in unserer verrohten Gesellschaft stattfindet, exakt dasselbe wie der Massenmord, der unter Hitler stattfand. Doch dann frage ich mich: Woher der Sinneswandel innerhalb der katholischen Kirche? Mit den Nazis stand sie schließlich auf ziemlich gutem Fuße. Nicht wenige Menschen argumentieren gar, dass sie dem Judenhass und der folgenden Massenvernichtung unter Hitler erst die Bahn geebnet hat. Hitler selbst war zumindest dieser Ansicht. Er schrieb in "Mein Kampf": "Ich tue nur, was die Kirche seit fünfzehnhundert Jahren tut, allerdings gründlicher." Und da war er offenbar gut informiert, denn schon seit dem 5. Jahrhundert gab sich die katholische Kirche größte Mühe, den Juden (die zu ihrem Pech offenbar zu der Sorte Menschen gehörten, die nicht von Gott gewollt waren) die Liebe Gottes nahe zu bringen. Und zwar auf ziemlich exakt die gleiche Weise, die später auch die Nazis übernahmen. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Im Jahr 538 beschloss die Synode von Orleans, dass Juden an christlichen Feiertagen nicht auf die Straße dürften. 681 befahl die 12. Synode von Toledo, jüdische Bücher zu verbrennen. 1179 beschloss das 3. Lateralkonzil, dass Juden Christen nicht vor Gericht bringen oder gegen sie als Zeugen aussagen dürften. Und im Jahr 1215 beschloss das 4. Lateralkonzil, dass Juden an ihrer Kleidung ein Unterscheidungszeichen tragen sollen. Hand hoch, wem da Ähnlichkeiten auffallen.
Doch es gab nicht nur Ähnlichkeiten. Die Unterstützung der katholischen Kirche war viel konkreter. Selbst Adolf Eichmann, einer der schlimmsten Verbrecher der Nazi-Diktatur, erinnerte sich 1961 wohlwollend und "in tiefer Dankbarkeit an die Hilfe katholischer Priester bei meiner Flucht aus Europa und entschied, den katholischen Glauben zu honorieren, indem ich Ehrenmitglied wurde."
Papst Pius XII wünschte übrigens wörtlich "dem Führer nichts sehnlicher als einen Sieg". Er antwortete damit auf die Frage, warum er nicht gegen die Judenverfolgung protestiert habe und führte aus: "Lieber Freund, vergessen Sie nicht, dass in den deutschen Heeren Millionen Katholiken sind. Soll ich sie in Gewissenskonflikte bringen?"
Nun könnte man Pius XII aus heutiger Sicht als verwirrten Narren bezeichnen. Könnte man. Wenn es da nicht den Anspruch der Kirche auf Unfehlbarkeit des Paptes gäbe. Der Kirchendoktrin entsprechend kann der Papst per natura nichts Falsches tun. Und das konnte, nach Ansicht der katholischen Kirche, aus Pius XII nicht.
Er ist aber nicht das einzige Beispiel. Während der Nazidiktatur gab es Konzentrationslager unter anderem auch in Kroatien. Hier wurden zwischen 1941 und 1943 etwa 750.000 orthodoxe Serben ermordet. Unter maßgeblicher Beteiligung katholischer Geistlicher und mit Billigung des Vatikans. Erbaut und betrieben wurden sie unter der Regierung von Ante Pavelic - einem Diktator und praktizierenden Katholiken, der regelmäßig bei Papst Pius XII Audienzen erhielt. Er betrieb sogar Konzentrationslager speziell für Kinder. Womit wir wieder beim Thema Kinderliebe wären. Alojzije Stepinac, damaliger Erzbischof von Zagreb, erteilte Pavelic für seine Arbeit seinen ausdrücklichen Segen. Im Jahr 1953, nachdem Pavelic wegen seiner Greueltaten 5 Jahre (von ursprünglich 16) Zwangsarbeit verbüßt hatte, erhob ihn Pius XII in den Kardinalsrang. Und noch Johannes Paul II bezeichnete ihn als "hervorragende und verehrungswürdige Gestalt". So verehrungswürdig, dass er ihn 1998 posthum selig sprach. Und wir erinnern uns an die Unfehlbarkeit des Papstes, richtig?
Ganz im Ernst: Was die katholische Kirche mit Menschenliebe zu tun haben soll, ist mir nicht begreiflich und ihr Anspruch auf eine ethische Führungsrolle in Fragen des menschlichen Lebens ist eine Anmaßung, die in ihrer Ungeheuerlichkeit wahrscheinlich nur schwer überboten werden kann.
Eines der Schlussworte der Fürstin war ihre Antwort auf die Frage, was sie tun würde, wenn sie Kardinal wäre (eine Frage, die den Patriarchen Meisner bestimmt eine Woche lang nicht schlafen lassen wird). Sie antwortete: Hexenverbrennung. Wohl aus Scherz. Haha. Ihre Antwort darauf, wen sie verbrennen würde, lautete: Mich selbst. Wohl auch aus Scherz. Ich kann nur sagen: meinen Segen hat sie.
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3 Kommentare:
Super Kommentar. Ich bin froh, das es noch klar denkende Menschen gibt MIT einem langen Gedächntnis. Wenn alles aus Amerika, wie es so Tradition ist, mit 10-20 Jahren Verzögerung nach Deutschland schwappt dann müssen wir uns nämlich warm anziehen. Für so einen Kommentar würdest Du dann sicher auf der Strasse bespuckt werden. Und dann sind wir auch schon wieder soweit. Das Wörterbuch der französischen revolution gibt für solche Zeiten einen Tipp: abhauen, und wiederkommen wenn sich die Sache gelegt hat, denn dann ist es zu spät: wenn man nicht mehr offen reden darf.
"in tiefer Dankbarkeit an die Hilfe katholischer Priester bei meiner Flucht aus Europa und entschied, den katholischen Glauben zu honorieren, indem ich Ehrenmitglied wurde."
Wo ist denn dieses Zitat von Eichmann her? Habe gerade Steinacher's Buch "Nazis auf der Flucht" gelesen, das in die selbe Kerbe schlägt. Weiter info Nazis auf der Flucht.
Das Eichmann-Zitat findet sich zum Beispiel im Buch "30 Jahre Ketzer" von Fritz Erik Hoevels auf Seite 629.
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