Samstag, 11. April 2009

Religionsunterricht - Freiheit für Berlin

Am 26. April sollen die Berliner in einem Volksbegehren entscheiden. Und zwar darüber, ob in den Berliner Schulen neben dem Fach Ethik auch das Fach Religion als Wahlpflichtfach gelehrt werden sollte. Der Verein "Pro Reli" rührt fleißig die Werbetrommel: "Mehr Freiheit für Berlin" heißt es, und "Toleranz fördern". Und auf der Website von Pro Reli steht "Moralisch begründetes Verhalten" ganz weit oben. Doch um was für eine Art Wahl geht es denn eigentlich?

Da haben wir auf der einen Seite den bereits an den Schulen gelehrten Ethikunterricht. Dieser soll dabei helfen, Schüler zu verantwortungsvollem und wertbewusstem Handeln zu erziehen. Ethik und Moral sind humanistische Anliegen, unabhängig von einer religiösen Anschauung. Beim Ethikunterricht geht es um elementare Fragen des menschlichen Lebens. Er soll eine Orientierungshilfe zum Weltverständnis geben, ohne dabei eine Unterscheidung zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen zu treffen.

Auf der anderen Seite haben wir den Religionsunterricht. Auch dieser soll den Kindern eine Orientierungshilfe an die Hand geben und Fragen zu unserer Existenz auf der Welt beantworten helfen. Und ebenso wie der Ethikunterricht soll der Religionsunterricht Kinder unterschiedlicher religiöser Anschauungen vereinen – ein Vorhaben, das allein hinsichtlich der zumeist hinreichend aggressiv vertretenen Unterschiede zwischen den großen Weltreligionen schwer umzusetzen sein dürfte. Der Religionsunterricht setzt eine – wie auch immer geartete – Konfessionsangehörigkeit zum Verständnis der vermittelten Inhalte voraus. Der Grundtenor muss also lauten: Es gibt keine Moral ohne Gott. Keine Ethik ohne Gott. Ohne Gott (in welcher Form auch immer) ist kein moralisches, kein menschliches (im philosophischen Sinne) Miteinander in der Gesellschaft möglich. Immerhin knapp 140 Millionen Opfer, die allein die römisch-katholische Kirche in ihrer Geschichte hinterlassen hat, könnten zu diesem Punkt gewiss etwas anderes sagen – wenn sie denn noch etwas sagen könnten. Kurz: Der Religionsunterricht soll unseren Kindern dieselben moralische und ethische Werte vermitteln wie der Ethikunterricht – nur mit Gott als ultimativer Antwort und einer Geschichte, die den Schluss nahelegt, die Kirche(n) selbst seien als Vermittler eben dieser Werte so wenig geeignet wie kaum eine andere Organisation.

Hinzu kommt: Jedes Fach, das an deutschen Schulen gelehrt wird, muss auf wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen beruhen. Das trifft auf den Physikunterricht zu, auf die Mathematik, auf den Deutschunterricht, auf die Biologie, ja sogar auf die Kunst. Aber auf die Religion? Die Religion an den Schulen als Alternative zum Ethikunterricht aufzustellen, wäre ungefähr dasselbe als würde man ernsthaft in Erwägung ziehen, als Alternative zum Physik-Unterricht das Märchen von Rotkäppchen und dem Bösen Wolf zu erzählen. Die wissenschaftlich fundierten Grundlagen beider "Geschichten" wären sich im Wesentlichen gleich. Doch welche Werte würden wir unseren Kindern damit vermitteln?

Pro Reli will mit seinem Religionsunterricht als Wahlpflichtfach das staatliche Monopol an den Berliner Schulen brechen. So schreiben sie es selbst auf ihrer Website. Doch verfassungsrechtlich ist das ein Problem, denn das staatliche Monopol an den deutschen Schulen ist vorgeschrieben. Es gibt in Deutschland eine strikte Trennung von Kirche und Staat. Das ist so gewollt und das ist gut so. Aus diesem Blickwinkel betrachtet hat der Religionsunterricht an deutschen Schulen eigentlich überhaupt nichts verloren – und schon gar nicht als (Wahl-)Pflichtfach. Schulen sollen weltanschaulich neutral sein. Zwar hat sich Pro Reli das Wort "Neutralität" quasi auf die Stirn tätowiert, doch mal ernsthaft: Wie neutral kann Religion sein? Zwar werden "Gotteslästerer" heute nur noch in seltenen Fällen und an zumeist eher gottvergessenen (sorry) Orten auf der Welt gesteinigt, aber auch in Deutschland gibt es ausreichend Orte, an denen der Interessierte die Neutralität eifriger Religionsanhänger selbst erfahren kann. Und vielleicht kommt er sogar noch dazu, davon zu berichten.

Pro Reli will die freie Wahl. Die freie Wahl zwischen Religion und Ethik – übrigens eine interessante Wahlmöglichkeit, die mir gerade erst ins Auge fällt: Religion oder Ethik. Treffender könnte man es kaum ausdrücken, selbst wenn man es versuchte! Wichtig sei dabei, so Pro Reli, dass alle Glaubensrichtungen im Unterricht gleichermaßen vertreten seien. Es soll um ReligionEN gehen, nicht um eine bestimmte Religion. Sehen wir uns also einmal an, wer alles für Pro Reli seine Stimme erhebt:

Pro Reli – das sind "engagierte Bürger aus dem Berliner Raum". Zu denen, so steht es im gleichen Satz, natürlich auch Religionslehrer und -lehrerinnen gehören. Neben vielen anderen, versteht sich. Zu den Unterstützern zählt, gleich an erster Stelle, das Erzbistum Berlin, gefolgt von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. Dann haben wir die Jüdische Gemeinde zu Berlin ind den Dachverband der Türkisch-Islamischen Union. So weit so gut. Alle vertreten. Aber dann geht es weiter: In der Folge erscheinen als Unterstützer von Pro Reli: Der Caritasverband für das Erzbistum Berlin, die Diakonie Berlin-Brandenburg, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, der Malteser Hilfsdienst, die Johanniter, der Evangelische Arbeitskreis der CDU, der CDU Landesverband Berlin, die Evangelische Kirche in Deutschland, die Deutsche Bischofskonferenz, der Bund katholischer Unternehmer, die Evangelische Jugend Berlin, die Evangelische Studierendengemeinde Berlin, der Bund der Deutschen katholischen Jugend im Erzbistum Berlin sowie die Katholische Elternschaft Deutschlands.

Fassen wir kurz zusammen: Pro Reli, deren Anliegen es ist, neutral moralische Werte in Form eines Religionsunterrichtes zu vertreten, wird unterstützt von 1 jüdischen Organisation, 1 türkisch-islamischen Organisation und - jetzt kommt der interessante Punkt - nicht weniger als 16 christlichen Organisationen, von denen 10 katholisch sind.

Da darf man sich schon die Frage, um was für eine Freiheit es für Berlin eigentlich gehen soll. Würde man Böses vermuten (was wir natürlich nicht tun), könnte man beinahe annehmen, die christlichen Kirchen, allen voran die Katholiken, würden Pro Reli und den Religionsunterricht als Wahlpflichtfach einfach dazu benutzen, einen Fuss in die Tür der staatlichen Schulen zu bekommen. Unter dem Mantel der Neutralität versteht sich. Wo diese Neutralität bliebe, wenn der Fuss erst einmal drin ist, wäre dann natürlich die nächste Frage. Doch deren Antwort wäre wahrscheinlich erst einmal irrelevant, sollte Pro Reli mit seinem Volksbegehren Erfolg haben.

Man muss sich also schon gut überlegen, wem man die ethische Erziehung seiner Kinder in die Hand geben will. Humanistisch, philosophisch ausgebildeten staatlichen Lehrern, die frei sind von religiösen Vorurteilen? Oder einer Organisation, die sich bei der Vertretung ihrer "menschlichen Weltanschauung" nicht gerade hervorgetan hat. Deren geistiges Oberhaupt noch heute Kondome als Teufelswerk bezeichnet und welches so starken ethische Werte vertritt, dass es als einer der letzten Staaten auf der Erde die Sklaverei abgeschafft hat – sogar noch nach England!


Interessante Links als Alternative zu pro-reli.de:
- Artikel zum Religionsunterricht beim Humanistischen Pressedienst: http://hpd.de/node/5397