Was tun wir eigentlich, wenn wir arbeiten gehen? Mir ist das neulich durch den Kopf gegangen – während ich so da saß und eigentlich hätte arbeiten sollen – und ich habe mir überlegt, was das eigentlich bedeutet: arbeiten gehen. Und dabei fiel mir auf, dass Arbeit an sich eigentlich überhaupt nicht ausreichend gewürdigt wird - von der Entlohnung mal ganz zu schweigen. Nicht, dass das unbedingt etwas Neues wäre. Aber dennoch.
Was bedeutet es also, arbeiten zu gehen? Wir alle verfügen ja bekanntermaßen über genau ein Leben. Keins mehr, keins weniger. Also über eine bestimmte, endliche Zeit, die in eine Vielzahl kleinerer Zeitabschnitte unterteilt ist. Ungefähr wie bei Toastbrot in Scheiben: Ein großes Ganzes, das in viele kleinere Scheiben unterteilt ist. Mit dem Unterschied, dass das Leben mehr Scheiben hat - nämlich die Tage. Aber obgleich ihre Anzahl höher ist als zum Beispiel die Scheiben beim Toastbrot, ist sie dennoch begrenzt. Wenn ein Tag aus unserem Vorrat an Tagen vorbei ist, ist er weg und kommt nie wieder. Darin liegt ein weiterer, wichtiger Unterschied zum Toastbrot: wir können nämlich keine Scheiben nachkaufen. Ist ein Tag vorbei, ist unser Leben einen Tag kürzer und es gibt nichts, was wir daran ändern können. So weit so gut.
Nun fragen Sie sich natürlich: Was hat das Ganze jetzt mit Arbeit zu tun. Und ich antworte Ihnen: Eine ganze Menge! Was wir nämlich tun, wenn wir arbeiten gehen, ist Folgendes: Wir gehen hin und verkaufen Tage aus unserem Tagesvorrat. Der ja, wie wir wissen, begrenzt ist. Wir gehen also hin und verkaufen die Tage, die uns zur Verfügung stehen. Wir tun quasi gegen Entlohnung etwas anderes als das, was wir normalerweise mit unserem Tag tun würden, wenn wir die Möglichkeit hätten, uns frei zu entscheiden. Und das zumeist bei einer recht bescheidenen Entlohnung. Bei einem normalen deutschen Durchschnittsgehalt ist es doch so, dass das Geld ausreicht, um uns mit Nahrung, mit Unterkunft und vielleicht mit einer Transportmöglichkeit zu versorgen. Das heisst, wir können uns etwas zu essen kaufen, etwas zu trinken, die Miete, Strom und Auto bezahlen - und wenn der deutsche Durchschnittsverdiener sparsam ist, kann er sich etwas für den Urlaub zurück legen. Also für die Zeit, in der er tatsächlich das tun kann, was er tun würde, wenn er die Möglichkeit hätte, sich frei zu entscheiden.
Auf den Punkt gebracht, bedeutet das: Wir gehen zu einer fremden Person und sagen ihr: Hör zu. Ich habe hier einen Haufen Tage in meinem Leben und anstatt damit zu machen, was mir gefällt, mache ich an diesen Tagen alles, was du willst. Und alles was du dafür tun musst, ist dafür zu sorgen, dass ich an diesen Tagen nicht verhungere. Wir verschenken also quasi unser gesamtes Leben und als Gegenleistung erwarten wir lediglich, dass uns jemand vor dem Verhungern bewahrt. Und uns pro Jahr 3 Wochen Auszeit gewährt, in denen wir tun können, was wir wollen. Was eigentlich ja unser gutes Recht wäre, denn es geht ja schließlich um unsere Tage, die, zusammengenommen, unser Leben ausmachen. Von dem wir ja nur das eine haben. Ist das nicht verrückt?
Das Ganze ist eine Folge unseres Fortschritts. Früher war das anders. Wir konnten mit unseren Tagen tun was wir wollten. Wir mussten uns allerdings auch mit Nahrung versorgen und das konnte ganz schön zeitaufwändig sein. Aber dennoch konnten wir im Großen und Ganzen tun, was wir wollten. Eigentlich ist es gar nicht so fortschrittlich, dass wir diese Freiheit aufgegeben haben.
Und während ich noch so da saß und grübelte, fiel mir etwas anderes auf. In der modernen menschlichen Gesellschaft herrscht im Allgemeinen die Ansicht, dass es die Arbeitgeber sind, die uns als Arbeitnehmer mit Arbeit versorgen. Uns damit quasi etwas Gutes tun. Doch das stimmt, genau betrachtet, so nicht wirklich. Man kann das Ganze auch aus einer ganz anderen Perspektive sehen, wenn man denn möchte. So könnte man sich die Frage stellen: Was ist ein Arbeitgeber eigentlich? Ein Arbeitgeber ist ein Mensch, der – zum Beispiel – eine Idee für ein tolles Produkt hat, das er verkaufen könnte. Allerdings ist er selbst nicht in der Lage, es zu produzieren. Dafür braucht er Leute, die sich damit auskennen. Allein mit der Idee für ein Produkt, das sich verkaufen ließe, kann man schließlich nicht viel anfangen. Allein von der Idee könnte man nicht einmal die Butter auf dem Brot bezahlen. Das kann der Arbeitgeber nur, weil er Arbeitnehmer hat. Also Leute, die sich damit auskennen, seine Idee zu produzieren und sie tatsächlich zu verkaufen. Der Arbeitgeber bezahlt seine Arbeitnehmer also dafür, dass sie ihm helfen, seine Idee in die Realität umzusetzen. Ohne sie wäre er vollkommen aufgeschmissen. Ist es deshalb nicht vielmehr so, dass es die Arbeitnehmer sind, die dem Arbeitgeber einen Gefallen tun? Und sollten sie dafür nicht eigentlich angemessener entlohnt werden?
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